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Verkehrswende

Voll unter Strom: Elektromobilität im städtischen Nahverkehr

Foto: BVG/Oliver Lang

Dem Elektroantrieb gehört die Zukunft – auch und gerade im öffentlichen Personenverkehr, denn nur dann kann die Schadstoffbelastung in den Städten wirksam reduziert werden. Vorreiter der Elektromobilität sind, neben den Eisenbahnbetreibern, die städtischen Nahverkehrsunternehmen. Die Berliner Verkehrsbetriebe und sechs weitere ÖPNV-Anbieter gehen nun gemeinsam voran, um dem Einsatz von E-Bussen im Linienverkehr zum Durchbruch zu verhelfen.

Leise und sauber summen seit 2015 vier Elektrobusse auf der Linie 204 durch Berlin. Fahrpersonal und Fahrgäste sind gleichermaßen gern mit den 12-Meter-Bussen unterwegs, die an den Endhaltestellen kabellos – wie eine elektrische Zahnbürste – induktiv geladen werden. Zum Start vor mehr als zwei Jahren konnte sich Berlin rühmen, die erste Hauptstadt der Welt zu sein, in der eine komplette Buslinie mit kabelloser Ladung betrieben wird.

Schon dieses, mit Blick auf die großen Vorhaben der nahen Zukunft kleine Forschungsvorhaben hat den Wegaufgezeigt: Mit der Projektförderung durch das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), mit der Unterstützung für den Weiterbetrieb durch das Land Berlin, mit innovativen Partnern in der Industrie hat das Projekt E-Bus Berlin ein starkes und auch international beachtetes Ausrufezeichen für die elektromobile Zukunft in unseren Städten gesetzt.

Elektromobile Zukunft in Städten

Auch in vielen anderen deutschen und europäischen Städten wird eifrig getestet, erprobt, entwickelt. Dem Elektroantrieb, da sind sich die meisten großen städtischen Nahverkehrsunter- nehmen völlig einig, gehört auch im Busverkehr die Zukunft. Die ersten Beschaffungsvorhaben für größere Stückzahlen, die die schrittweise Umstellung hin zum Betrieb mit serienreifen Fahrzeugen in Flottenstärke einleiten, sind gestartet. Und längst laufen auch die Planungen und Vorbereitungen für die zweite große Herausforderung, die Schaffung und den Umbau der Infrastruktur inden Städten, in Werkstättenundauf Betriebshöfen.

Wir – und da spreche ich sicher für die meisten deutschen Nahverkehrsunternehmen – sind bereit. Die Ideen, die ersten konkreten Konzepte sind da und das Know-how ohnehin. Was wir jetzt brauchen, sind serienreife E-Busse unddie verlässlichen und nachhaltigen Finanzierungsinstrumente für die Beschaffung der Fahrzeuge und die nötigen Infrastrukturmaßnahmen. Elektromobilität – schon das Wort sorgt aktuell buchstäblich für Hochspannung – in der Branche natürlich, aber auch in der Politik, in den Medien und in der breiten Öffentlichkeit. Dabei stehen nicht mehr nur der Klimawandel und die notwendige

CO2-Reduzierung im Mittelpunkt. Gerade in den letzten Monaten hat auch der Faktor Gesundheit viel Aufmerksamkeit auf die Elektromobilität gelenkt. Insbesondere vor dem Hintergrund der Dieselproblematik. Das Risiko der Ruß- und Stickstoffoxid- belastung in den Städten wurde unterschätzt. Und so wird Elektromobilität als größte, wenn nicht derzeit allei- nige Chance, umlokalemissionsfrei zuwerden, heiß undlautstark diskutiert. Dabei geht es bisweilen unsachlich zu, manchmal wird gestritten. Die Leidenschaft ist völlig nachvollziehbar. Unser Land steht vor nicht weniger als einer historischen Verkehrswende. Und wir sind diejenigen, die diese Wende schaffen können.

Was bei all dem fast immer vergessen wird: Neben den Eisenbahnunternehmen sind die Nahverkehrsunternehmen vieler Großstädte längst und seit vielen, vielen Jahrzehnten die größten Anbieter von Elektromobilität. Allein die BVG sorgt auf ihren 10 U-Bahn- und 22 Straßenbahnlinien dafür, dass tagtäglich 2 Millionen Menschen nicht nur schnell, sicher und bequem an ihr gewünschtes Ziel kommen, sondern eben auch elektrisch und damit lokal emissionslos. Das sind schon jetzt zwei Drittel unserer pro Jahr mehr als eine Milliarde Fahrgäste. Hinzu kommen im Großraum Berlin die vielen Millionen Fahrgäste der S-Bahn und des elektrifizierten Regionalbahnverkehrs.

Mit einem der dichtesten und weltweit besten öffentlichen ÖPNV-Netze und unserer umweltfreundlichen Flotte haben wir einen ganz großen Anteil daran, dass unsere Stadt lebens- und liebenswert ist. Das wissen die Berlinerinnen und Berliner, auch wenn sie schon aus guter Tradition über ihre Nahverkehrsunter- nehmenzumindestöffentlichkaummehr Gutessagenwürdenals die vier Worte, die Alteingesessenen als größtes Lob überhaupt gelten: Da kannste nich meckern. Auch wenn die Wortwahl eine andere sein mag und anderswo euphorischer gelobt wird, im Grundsatz ist das natürlich auch in vielen anderen Städten so. Und deshalb ist es ein starkes Signal, wenn die Branche auch das Thema Elektromobilität vereint und stark vorantreibt.

Die ersten vier kabellos aufladbaren Omnibusse im Linienbetrieb der BVG: Der ÖPNV in Deutschland braucht Elektro-Busse in Serienreife (Foto: BVG/Oliver Lang)

Emissionsfreie Busse

Nahverkehrsunternehmen aus inzwischen sieben deutschen Großstädten arbeiten gemeinsam daran, die schrittweise Umstellungdes Linienbusverkehrs auf Elektroantrieb schnell auf den Weg zu bringen. Den Startschuss für diese Initiative hatten vor inzwischen gut einem Jahr die Länder Berlin und Hamburg gegeben. Im August 2016 unterzeichneten Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller und sein Hamburger Amtskollege Olaf Scholz, Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, eine Absichtserklärung zur künftigen gemeinsamen Beschaffung emissionsfreier Busse durch die jeweiligen landes- eigenen Verkehrsunternehmen (BVG, Hamburger Hochbahn und VHH).

Gemeinsam betreiben die 3 Unternehmen über 340 Buslinien und befördern mit knapp 3.000 Bussen über 740 Millionen Fahrgäste pro Jahr. Damit gehören die beiden Städte zu den größten Abnehmern von Linienbussen in Europa – mit einem entsprechenden Investitionsbudget. Aber auch München, Düsseldorf, Köln, Stuttgart oder Darmstadt haben sich dieser Initiative inzwischen angeschlossen. Undsotauschen sichimmer mehr deutsche Nahverkehrsunternehmen in gemeinsamen Arbeitsgruppen zum Thema Elektro-Omnibusse aus.

Unser Hauptziel lautet: Durch die Formulierung gemeinsamer Grundanforderungen an die künftigen Serienfahrzeuge sollen unnötige Barrieren abgebaut und die Hersteller ermutigt werden, schnell marktgerechteundausgereifte Busseanzubieten. Unsere gemeinsame Botschaft lautet: Der Markt ist da, wir brauchen jetzt serienreife Busse zu marktgerechten Konditionen. Denn auch wenn wir alle in einem fortlaufenden Prozess ständig aus neuen Erfahrungen lernen müssen, geht es nicht mehr um kostspielige Prototypen, handgefertigte Kleinserien und wissenschaftliche Forschungsfahrzeuge. Es geht in den kommenden Jahren absehbar um große Stückzahlen, um Aufträge in Milliardenhöhe.

Rahmenbedingungen

Und das betrifft nicht allein die Fahrzeughersteller. Denn die Umstellung auf einen lokal emissionsfreien Busverkehr ist nicht mit der Anschaffung der Fahrzeuge erledigt. Bei der BVG wie auch in anderen Nahverkehrsunternehmen laufen parallel längst die Planungen für die nötigen Rahmenbedingungen. Es geht um gewaltige Herausforderungen bei der Anpassung, Erweiterung oder Schaffung der Infrastruktur, um die riesige Zahl der künftigen E-Fahrzeuge auch laden, instandhalten oder ganz simpel abstellen zu können. Allein die Berliner Verkehrsbetriebe betreiben eine Flotte von rund 1.400 Bussen, wobei diese Zahl in der wachsenden Hauptstadt eher größer als kleiner werden wird.

Die nötigen Investitionen in Betriebshöfe, Werkstätten, Ladesys- teme stehen denen für die Umstellung der Flotte in kaum etwas nach. Und wir wollen nicht erst in ferner Zukunft, sondern schon in den nächsten Jahren Busse in großen Stückzahlen kaufen und Elektro-Betriebshöfe bauen. Wir können das, wenn uns die Instrumente gegebenwerden, umdiesenepochalen Wandelnicht nur technologisch umzusetzen, sondern auch zu finanzieren.

Seit Jahrzehnten elektrisch: Mit Stadt- und Straßenbahnen ist der ÖPNV Vorreiter der Elektromobilität (Flexity-Tram am Berliner Alexanderplatz – Foto: BVG/Sven Lambert)

Fördermöglichkeiten

Fördermöglichkeiten sind deshalb für den Fahrzeugbereich und die Infrastruktur gleichermaßen wichtigundrichtig. Mehrnoch: Sie sind zwingend notwendig, um den Wandel zu ermöglichen und schnellstmöglich voranzutreiben. Schon jetzt gibt es eine ganze Reihe von Töpfen, auf die Unternehmen zurückgreifen können. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI) fördert in Projekten bereits anteilig die Mehrinvestitionen für die Fahrzeugbeschaffung und die Anschaffung der Ladeinfrastruktur (ohne Baukosten). Das Bundesumweltministerium (BMUB) steht kurz vorm Abschluss einer Förderrichtlinie für den Erwerb von Elektrobussen bei kommunalen Verkehrsbetrieben. Auch Kostenfürdie Ladetechniksollen darübergefördertwerden.

Das Land Berlin bietet mit seinem „Programm für nachhaltige Entwicklung“ (BENE) Fördermöglichkeiten im Bereich nach- haltiger Mobilität, um die modellhafte Erprobung von Fahr- zeugen mit innovativen Antriebstechnologien zu ermöglichen. Forschungsprojekte wie der 2018 startende Testbetrieb mit fahrerlosen Kleinbussen auf zwei Klinikgeländen der Charité in Berlin werden ebenfalls bereits durch das BMUB gefördert, und auch das BMVI ist mit einem Forschungsprogramm zur Automatisierung und Vernetzung im Straßenverkehr als Förderer der noch jungen Technologie aktiv. Wenn es in die Großbeschaf- fungen geht, können günstige Förderkredite der Europäischen Investitionsbank (EIB) helfen.

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