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Güterbahnen-Allianz Xrail

Die Digitalisierung des europäischen Einzelwagenverkehrs

Foto: Panthermdedia/Altocumulus

Die Zeit ist reif: Laut einer Umfrage der Bundesvereinigung Logistik können sich rund 80 Prozent der Verlader und 76 Prozent der Logistikdienstleister vorstellen, Straßengüterverkehre auf die Schiene zu verlagern.[1] Diese Entwicklung kommt nicht von ungefähr und hängt stark mit den stetig steigenden Transportmengen zusammen: Viele europäische Straßen sind bereits mit dem heutigen Verkehrsaufkommen überlastet, was zu immer mehr Unfällen und Staus führt. Eine punktgenaue Planung von Transporten wird für die verladende Wirtschaft vor diesem Hintergrund immer schwieriger. Das erwartete weitere Wachstum von 30 Prozent bis 2030 kann die Straße allein nicht bewältigen. Zudem gewinnen umweltpolitische Ziele und Vorgaben in Zeiten des Klimawandels stark an Bedeutung. Ein bewussteres Kundenverhalten in Sachen ökologischer Fußabdruck setzt sich mehr und mehr durch. Es ist daher höchste Zeit für einen Paradigmenwechsel im europäischen Güterverkehr.

Das Potenzial für internationale Bahntransporte ist noch lange nicht ausgeschöpft. Insbesondere der europäische Einzelwagenverkehr kann zur Verlagerung von der Straße auf die Schiene beitragen. Dazu müssen die Bahnen ihr Angebot jedoch erweitern und verbessern: Grenzüberschreitende Transporte auf der Schiene müssen zuverlässig, pünktlich und nachverfolgbar sein, um sich als wettbewerbsfähige und nachhaltige Alternative zur Straße zu etablieren.

Bühne frei für Xrail

Die sieben Xrail Partner haben sich auf die Fahnen geschrieben, eine signifikante Verbesserung für die Kunden im europäischen Einzelwagenverkehr zu erreichen. Die Produktionsallianz ist ein Zusammenschluss der größten Güterbahnen aus Belgien (Lineas), Deutschland (DB Cargo), Frankreich (Fret SNCF), Luxemburg (CFL cargo), Österreich (Rail Cargo Group), Schweden (Green Cargo) sowie der Schweiz (SBB Cargo), wo auch die Xrail AG, Servicegesellschaft der Allianz, beheimatet ist (Basel). Letztere koordiniert die gemeinsamen Aktivitäten der Partner und dient dabei sowohl als technische Kooperationsplattform als auch als Impulsgeber für die weitere Standardisierung, Digitalisierung und Innovation im internationalen Einzelwagenverkehr.

Was für Lieferungen auf der Straße längst Standard ist, soll nun für europäische Gütertransporte auf der Schiene in absehbarer Zeit ebenfalls Realität werden: Beauftragen, gemäß Plan geliefert bekommen und dabei jederzeit Überblick über den Verlauf des Transportes behalten. Damit dies gelingen kann, sind eine intelligente Verknüpfung der einzelnen Bahnnetze und die Harmonisierung von über viele Jahre national gewachsenen Abläufen nötig. Die Bearbeitung digitaler und prozessualer Schnittstellen ist dabei genauso notwendig für das Gelingen wie die gemeinsame Verpflichtung der Partner zu hoher Zuverlässigkeit: Was im gemeinsamen internationalen Netzwerk geordert wird, müssen die einzelnen Allianzpartner zum vereinbarten Qualitätsniveau auf ihrem Transportabschnitt liefern. Nur so ergibt sich schlussendlich ein wettbewerbsfähiges, internationales Produkt.

Lokomotive von SBB Cargo mit Xrail-Schriftzug
Die Schweizer Güterbahn SBB Cargo ist eines von derzeit sieben Mitgliedsunternehmen der Xrail-Allianz (Foto: SBB Cargo)

Die Kapazitätsbuchungsinitiative

Das Herzstück der gemeinsamen Anstrengungen ist die internationale Kapazitätsbuchungsinitiative XCB (Xrail Capacity Booking). Das hochgesteckte Ziel der Allianz ist das flächendeckende Angebot kapazitätsgeprüfter Netzwerke durch alle Partner und deren nahtlose Verbindung über ein zentrales IT-System (dem „XCB Broker“). Dank der vollen technischen Verknüpfung aller Partnersysteme via Xrail können künftig internationale Einzelwagentransporte durchgehend über mehrere Netzwerkpartner hinweg geplant und gebucht werden und in einem zweiten Schritt zuverlässig sowie transparent gemäß der kommunizierten Ankunftszeit (Estimated Time of Arrival) ausgeführt werden.

XCB Kennzahlen für September 2019

  • Knapp 25.000 abgewickelte Buchungen (Wagen und Wagengruppen)
  • Gut 31.000 transportierte Wagen
  • 1 Million über den Broker ausgetauschte Datensätze

So anspruchsvoll die dahinter liegenden Prozesse auch sind, aus Kundensicht soll das Buchen eines internationalen Transports ganz einfach sein: Kunden fragen bei ihrem Xrail-Partner neben dem gewünschten Zeitraum auch das Volumen für den benötigten Transport an. Ob für Einzelwagen oder Wagengruppen, über Grenzen und Übergänge im europäischen Netzwerk muss sich der Kunde keine Gedanken mehr machen. Die beste Transportkette wird automatisch ermittelt und samt der geplanten Ankunftszeit ausgegeben. Auf Basis seiner Buchung wird der Kunde über den Verlauf des Transports informiert, bei größeren Verzögerungen bekommt er ein Update der Ankunftszeit. Während und nach dem Transport können Track & Trace-Informationen zur Verfügung gestellt werden. Durch die verbesserten Informationen können Kunden unter anderem mögliche vorangehende/nachfolgende Transporte oder Wagenumläufe besser planen und steuern.

Gründung und erste Schritte

Der Realisierung dieser kleinen Revolution auf der Schiene ging eine intensive Planungs- und Konzeptphase voraus: 2010 erfolgte die Gründung der Xrail-Allianz und der dazugehörigen Servicegesellschaft. In den ersten Jahren setzte Xrail auf ausgewählten internationalen Relationen bereits erste technische Lösungen für ein transparenteres Angebot im europäischen Einzelwagenverkehr um – in dieser Phase jedoch noch ohne das heute wesentliche Merkmal der Kapazitätsprüfung. Bereits Ende 2010 gewannen SBB Cargo und Xrail für den innovativen Ansatz gemeinsam den Swiss Logistics Award.

Die ersten Resultate sahen also viel versprechend aus, zugleich wurde aber auch klar, dass es einer umfassenderen, für das gesamte Netzwerk skalierbaren Lösung bedurfte. Die Allianzmitglieder verpflichteten sich daher im Jahr 2013 durch die Einführung kapazitätsgeprüfter nationaler Netzwerke und deren internationaler Verknüpfung einen grundlegenden Wandel im europäischen Einzelwagenverkehr umzusetzen hin zu einem wettbewerbsfähigen und nachhaltigen Angebot.

Da eine tiefgreifende operative Kooperation zwischen so vielen Partnern, die jeweils über eigene gewachsene Prozesse, Strukturen und unterschiedliche technische Lösungen verfügen, ein komplexes Vorhaben ist, stand von 2013 bis 2015 die Ausarbeitung von künftigen, gemeinsamen Standards und Prozessen für die neue Kapazitätsbuchungswelt im Fokus, während die Xrail AG bereits parallel die neue gemeinsame Kommunikationsplattform entwickelte. 2016 erfolgte dann der Anschluss der Buchungssysteme der ersten Allianzpartner (CFL cargo, Lineas, Rail Cargo Group sowie SBB Cargo) an den XCB-Broker. Seither pilotieren diese vier Bahnen das XCB-System mit ihren wechselseitigen internationalen Einzelwagentransporten.

transport logistic 2019

Wie ernst das Thema Xrail bei den beteiligten Güterbahnen genommen wird, zeigte sich jüngst auch auf der Messe transport logistic in München: Hier fanden sich CEOs der Allianzpartner zusammen und diskutierten in einem Panel mit Kunden vor breitem Publikum das innovative Vorhaben, die Kundenvorteile und ihre Verpflichtung zur Sache sowie auch den Willen, alle Schwierigkeiten auf dem Weg dahin gemeinsam zu überwinden. Dabei wurde deutlich, dass sich die einzelnen Bahnen in einem durch die Digitalisierung angestoßenen, starken Wandel befinden. Der Erfolg des gemeinsamen Vorhabens hängt also zu guten Teilen auch davon ab, wie erfolgreich die einzelnen Allianzpartner ihre Hausaufgaben meistern.DB Cargo goes XCB

Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist nun seit Anfang des Jahres auch DB Cargo mit dem XCB-System verbunden. Zwischenzeitlich werden bereits praktisch alle internationalen Einzelwagentransporte mit den vier anderen an XCB angeschlossenen Partnern über den Broker gebucht. Ein vollständiger Anschluss des künftigen DB Cargo-Buchungssystems mit allen Funktionen von XCB soll bis Ende 2020 erfolgen. Die Integration des deutschen Einzelwagennetzes bedeutet einen bedeutenden Schritt nach vorne für die europäische Abdeckung durch Xrail-Standards. Die große Mehrheit aller Transporte zwischen den Allianzpartnern wird dann bereits vollumfänglich über XCB gebucht und gesteuert.

Mit der nachfolgenden Anbindung von Green Cargo und Neumitglied Fret SNCF bis Ende 2021 kann man dann wirklich von einer großflächigen Abdeckung in Europa – von Nordschweden bis Südfrankreich – sprechen. Die Allianz rückt so ihrem Ziel näher, ein durchgängiges und zuverlässiges Produkt im europäischen Einzelwagenverkehr anzubieten, das den Wettbewerb mit der Straße nicht scheuen muss. So werden die Xrail-Partner auch einen wesentlichen Beitrag zum Klimaschutz leisten können – und die Gesellschaft von zunehmenden „Nebenwirkungen“ der Straße wie Staus, Lärm und Luftverschmutzung entlasten.

Gruppenfoto CEOs der Xrail-Partner
Paneldiskussion 2019 (von links nach rechts: Nicolas Perrin, Clemens Först, Roland Bosch, Sylvie Charles, Laurence Zenner, Geert Pauwels) (Foto: DB AG)

Arbeitsweise Xrail

Ganz im europäischen Geiste leben die Mitarbeitenden von Xrail schon heute im täglichen Arbeiten das, was in naher Zukunft für die Gütertransporte Wirklichkeit werden soll: Zusammenarbeit über Ländergrenzen hinweg und Kooperation über digitale Werkzeuge. Was sich in vielen großen Firmen erst langsam findet, ist seit Beginn der Aktivitäten „daily business“: Meetings werden mehrheitlich online abgehalten, bedarfsbezogen finden physische Treffen bei den Bündnispartnern statt, Teams finden sich themenorientiert agil zusammen und lösen sich nach Projektabschluss wieder auf.

Entscheidet sich ein weiteres Güterbahnunternehmen für einen Beitritt zur Allianz, so verpflichtet es sich gleichzeitig zur Etablierung der definierten Xrail-Standards und Prozesse. Damit dieses Vorhaben auf allen Ebenen gelingen kann, unterstützt Xrail dabei jeden neuen Partner mit einem spezifischen Einführungsprojekt. Zugleich müssen laufend sowohl für die Einführung der Buchungsinitiative wie auch für neue Themen und Herausforderungen gemeinsame Vorgehensweisen, Prozesse und digitale Lösungen zwischen allen Allianzpartnern ausgehandelt werden.

Die vielfältigen Aufgaben sind nicht zuletzt der Grund dafür, warum sich unter den Mitarbeitenden von Xrail neben passionierten Bahnern vor allem auch Spezialisten für Projekt- und Change-Management sowie Innovation und Datenanalyse finden. Diese müssen immer wieder aufs Neue Abläufe und Vorgehen aushandeln, eine gemeinsame Sprache finden und sich auf eine funktionierende Definition harmonisierter technischer und prozessualer Schnittstellen einigen.

Die Schiene auf dem Vormarsch

Xrail vereint die umfassende Beschleunigung von Geschäftsprozessen dank rascher technischer Entwicklung sowie die Möglichkeiten der Digitalisierung und internationaler Kooperation mit der umweltfreundlichsten und nachhaltigsten Möglichkeit, Güter über Land zu transportieren.

Dass der europäische Schienengüterverkehr auch künftig eine bedeutende Rolle spielen möchte, zeigt sich auch anhand der Rail Freight Forward-Initiative, die von 18 großen europäischen Bahnanbietern und Organisationen gegründet wurde und sich eine deutliche Verlagerung von Transporten von der Straße auf die Schiene zum Ziel gesetzt hat: Nachhaltigkeit und Umweltschutz sollen auf Zuverlässigkeit, Kundenfreundlichkeit und Wettbewerbsfähigkeit treffen und die Schiene so als zukunftsfähige Gütertransport­alternative stärken. Neben der Erledigung der eigenen Hausaufgaben sehen die Initiatoren auch die Politik und Infrastrukturbetreiber in der Pflicht, vereinfachte Rahmenbedingen zu schaffen, um eine stärkere Verkehrsverlagerung zu ermöglichen.

panoramablick auf einen güterbahnhof
Die Schaffung gemeinsamer Standards und Prozesse ist die Voraussetzung für eine verbesserte operative Kooperation der Xrail-Partner (Foto: Panthermedia/Matthias Krüttgen)

Ausblick

Um die angestrebte Verkehrsverlagerung auf einen Schienenanteil von 30 Prozent zu erreichen, muss auch Xrail einen wesentlichen Beitrag leisten: Die Allianz wird nicht nur weiter an der Einführung gemeinsamer Standards und Innovationen arbeiten, sondern die sieben Partner auch unterstützen, ein gemeinsames Bild zu zeichnen, wie die Zukunft des Schienengüterverkehrs aussehen soll. Zentral wird es sein, gemeinsam ein nachhaltiges Geschäftsmodell für den Einzelwagenverkehr zu etablieren, das für jeden einzelnen Allianzpartner einen langfristig ökonomisch tragbaren Betrieb seiner Netzwerke ermöglicht.

Stimmen

„Driving a train through Europe must finally become as easy as driving a truck“

„The [Rail Freight Forward] coalition has the ambition to increase the modal share of rail freight in Europe from currently 18 to 30 percent by 2030 as the macro-economic better solution for European growth“

Rail Freight Forward Initiative: www.railfreightforward.eu

In Zeiten rasend schneller technischer Entwicklung wird sich das Kernprodukt Kapazitätsbuchung einer laufenden Weiterentwicklung unterziehen müssen, um dauerhaft höchsten Standards in Bezug auf Zuverlässigkeit, Sicherheit und Datenschutz zu genügen und gleichzeitig Kunden verbesserten Komfort und Funktionalität zu bieten. Durch die digitale Disruption ist außerdem offen, welche technischen Neuerungen, Möglichkeiten und Nutzergewohnheiten die nächsten Jahre ins Haus stehen. Kurzum: Vieles ist denkbar. Xrail sieht sich dabei bestens gerüstet als gemeinsame Plattform der Partner für weitere digitale Innovation und als Koordinator eines abgestimmten Weges der Allianz für die Herausforderungen der Zukunft.

Quelle

[1] Deutsche Verkehrs-Zeitung, 07.06.2019.

Kontakt

Xrail AG
Teichgässlein 9
4058 Basel
Schweiz
www.xrail.eu
communication@xrail.eu


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